Medeas Liebe

und die Jagd nach dem goldenen Vlies
5.10.2018 bis 10.2.2019

Dem Schmerze hingegeben, ohne Speise liegt Sie da, verzehrt in Tränen sich die ganze Zeit, seitdem sie weiß, verraten sei sie vom Gemahl.

(Die Amme) Euripides, Medea
24-25, übers. von Johann A. Hartung, hrsg. von Karl-Maria Guth, Berlin 2013.

Medeas Klage
Euripides, Medea

Medea kurz vor der Ermordung ihrer Kinder, Wandgemälde aus Pompeji, 62–79 n. Chr. 120 cm x 97 cm, Museo Archeologico Nazionale di Napoli, Neapel

Medea, die schöne Königstochter aus dem fernen Kolchis, ist am Boden zerstört. Ihre große Liebe, der Held Jason, hat sie verlassen. Kaum vorstellbar ist ihre grausame Rache: Am Ende wird sie ihre eigenen Kinder töten.

Furchterregende Magierin, wahnsinnige Liebende und mächtige Frau in gesellschaftlichen Zwängen: Medea hat viele Gesichter. Bis heute ist sie die vielleicht eindrücklichste Frauenfigur der antiken griechischen Mythologie.

Die Ausstellung „Medeas Liebe“ im Liebieghaus erzählt den Mythos um Medea und Jason: Die Geschichte einer verhängnisvollen Liebe, voller Abenteuer, Helden und Verräter. Namhafte Darstellungen aus der Kunst der Antike lassen die Geschehnisse anschaulich werden: Von der gefährlichen Schiffsexpedition des Jason und der Argonauten, der Jagd nach dem goldenen Vlies, bis zu den mörderischen Taten der Liebenden. Nicht zuletzt die beeindruckenden, jahrtausendealten Goldobjekte und Schmuckstücke aus Medeas Heimat, dem heutigen Georgien, untermalen die uralte Erzählung.

Medea mit dem Schwert, Wandgemälde aus der Villa Arianna in Stabiae, 1. Jh. n. Chr. 38 cm x 26 cm, Museo Archeologico Nazionale di Napoli, Neapel

Golden wie
die Sonne

Da glänzt es – das goldene Widderfell. In den Wäldern des Königreiches von Kolchis hat man das sagenumwobene Goldene Vlies über den Ast einer alten, großen Eiche gehängt. Bis weit über die Landesgrenzen eilt ihm sein Ruf voraus: Das Fell gilt als Zeichen von Macht und Ruhm.

Medeas Vater König Aietes lässt das goldene Widderfell von einem schiffsgroßen Drachen bewachen. Niemand soll es zu fassen bekommen.

Doch woher stammt das wertvolle Vlies? Es ist das goldene Fell des geflügelten Widders Chrysomallos. Auf seinem Rücken entkamen die Geschwister Phrixos und Helle dem sicheren Tod. Ihre kaltherzige Stiefmutter wollte die Kinder den Göttern opfern. Weit fort, von Theben bis nach Kolchis am Fuß des Kaukasus, sollte der Widder die Jugendlichen tragen. Während des Fluges aber verlor Helle den Halt, fiel ins Meer und ertrank. Die Meerenge der Dardanellen – in der Antike als Hellespont bekannt – erhielt so ihren Namen.

Jean Peutin, Anhänger der Ritter des Goldenen Vlieses, nach 1516 Detail: goldener Widder-Anhänger, Privatbesitz (Familie von Croy)
Phrixos auf dem Widder, apulische Schale, Ton, Phrixos-Maler, 3. Viertel des 4. Jhts. v. Chr. 17,5 cm x 47,5 cm x 46,8 cm, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung, Berlin
Phrixos und Helle, Wandgemälde aus Pompeji, 1. Jh. n. Chr. 54 cm x 48 cm, Museo Archeologico Nazionale di Napoli, Neapel

Nur Phrixos gelangte sicher ans Ziel und fand in Kolchis sein Glück. Den Widder hingegen opferte man dem Kriegsgott Ares. Sein goldenes Fell schmückte fortan den Wald des Gottes. Die Gestalt des Chrysomallos aber ist im Sternbild des Widders verewigt.

Ein Fell voll Gold

Ein goldenes Schafsfell? Die Mythen der antiken Welt stecken voller fantastischer Ideen und Bilder. Und doch erzählen sie vom gesellschaftlichen Leben in längst vergangenen Zeiten. Das Goldene Vlies könnte auf den uralten Brauch des Goldschöpfens verweisen. Gerade aus der Region von Swanetien im heutigen Georgien sind historische Methoden der Goldgewinnung mit Schafsfellen bekannt: Feine Goldstückchen und Goldstaub wurden mithilfe der Felle in Flussläufen aufgefangen. Man hängte die vollgesogenen Schafsfelle in die Bäume, um sie zu trocknen und anschließend das Gold aus ihnen auszuschütteln oder auszukämmen.

Eine tödliche
Mission?

Wie führt Jasons Weg nach Kolchis und damit zu Medea? Seine Geschichte beginnt am Strand von Iolkos in Griechenland.

Es ist die Heimatstadt des Königssohns. Von hier aus wird er sich zur Jagd nach dem Goldenen Vlies aufmachen.

Jason wächst fernab von Iolkos auf. Bereits in Kinderjahren hat sein Leben eine einschneidende Wende genommen: Sein Vater Aison wurde durch seinen Halbbruder Pelias gewaltsam vom Thron gestürzt. Jason als ältester Sohn und Thronerbe musste fliehen. 

Erst als junger Mann fasst er den Entschluss, nach Iolkos zurückzukehren. Ein Orakelspruch beunruhigt inzwischen den unrechtmäßigen König Pelias: Ein Fremder mit nur einer Sandale an den Füßen soll ihm die Krone entreißen und gar seinen Tod herbeiführen.

Auf dem Weg nach Iolkos trifft Jason an einem reißenden Fluss auf die mächtigste aller Göttinnen, Hera. In der Gestalt einer alten Frau bittet sie Jason, ihr bei der Überquerung zu helfen. Als er sie auf seinem Rücken ans andere Ufer trägt, bleibt eine seiner Sandalen im Schlamm stecken!

Pelias erkennt Jason, Wandgemälde aus Pompeji, 1. Viertel 1. Jh. n. Chr. 190 cm x 142 cm, Museo Archeologico Nazionale di Napoli, Neapel

Pelias wittert seine Chance, sich Jasons zu entledigen. Seinem Neffen verspricht er die Krone, wenn dieser ins ferne Kolchis reist und ihm das Vlies bringt. Doch was Pelias nicht ahnt: Die Göttin Hera hat Jason am Fluss die vermeintlich unlösbare Aufgabe in den Mund gelegt.

Göttliche Hilfe

Hera will Jason als Waffe gegen Pelias einsetzen. Dieser hat die rituelle Verehrung der mächtigsten aller Göttinnen sträflich vernachlässigt.

Fragment einer Figur der Aphrodite, Marmor, Römische Wiederholung (2. Jh. n. Chr.) nach einem griechischen Vorbild (5.Jh. v. Chr.) H. 33,5cm, Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt a.M.

Doch eine Göttin ist nicht genug! Zur Unterstützung von Jason bei seiner Mission holt Hera die kundige Athena und die Liebesgöttin Aphrodite mit an Bord. Gemeinsam helfen sie Jason durch die zahlreiche Gefahren, denen er begegnen wird.

Die Argo,
das Superschiff

Für die Reise über die gefährlichen Weiten des Schwarzen Meeres braucht Jason zunächst ein starkes Schiff, aber auch eine außergewöhnliche Mannschaft.

Der Bau der Argo, Römisches Campanarelief, um 100 n. Chr. Ton, 63,5 cm x 55,88 cm, British Museum, London

Athena überwacht höchstpersönlich den Bau der Argo, eines Schiffs mit übernatürlichen Kräften. Das Tonrelief aus London zeigt sie beim Befestigen des Segels. Zu erkennen ist die Göttin des Kampfes, der Weisheit und der Strategie an ihrem Helm, dem runden Schild und der kleinen Eule. 

Der Schiffsbug wird aus dem Holz eines Orakelbaums gefertigt: Sprechend weist er wie ein Navigationsgerät der Mannschaft den Weg. Jason versammelt Helden und Halbgötter mit übernatürlichen Fähigkeiten um sich. Voller Abenteuerlust stechen die Argonauten in See.

Die Argonauten

Jason ist der Anführer der Argonauten. Die Helden, die ihn auf seiner Reise begleiten, haben allesamt besondere Begabungen. Unter ihnen ist Herakles, der sich durch übermenschliche Stärke auszeichnet. Orpheus ist ein begnadeter Musiker, dessen Gesang sogar die Natur verzaubert. Mopsos hat hellseherische Fähigkeiten. Die beiden geflügelten Söhne des Nordwindes, Zetes und Kalais, fliegen so schnell wie der Wind. Und die Zwillingsbrüder Kastor, der Rossebändiger, und Polydeukes, ein gewaltiger Faustkämpfer, kommen ebenfalls mit an Bord. Jede ihrer Fähigkeiten leistet einen Beitrag zum Erfolg der Mission.

Lorenzo Costa, Das Argonautenschiff, nach 1500 Tempera auf Holz, 47cm x 58 cm, Museo Civico, Padua

Die abenteuer­liche
Fahrt der Argonauten

Gefährliche Abenteuer erleben die Argonauten auf ihrem Weg nach Kolchis: Sie begegnen fremden Völkern, mächtigen Königen und ungeheuerlichen Mischwesen.

Novios Plautios, Ficoronische Cista (Detail), 340-330 n. Chr. Museo nazionale etrusco di Villa Giulia, Rom

So kommen sie auch zur Insel Lemnos, auf der nur Frauen leben. Diese nehmen die Helden der Argo gastfreundlich auf. Da die Frauen Aphrodite keine Opfer gebracht hatten, bestrafte die Liebesgöttin sie vorübergehend mit einem unangenehmen Körpergeruch. Ihre daraufhin untreu gewordenen Männer töteten die Frauen aus Eifersucht. Als die Argonauten Lemnos erreichen, sind die Bewohnerinnen von dem Männerbesuch begeistert. Mit der Königin der Insel zeugt Jason sogar zwei Söhne.

Gerne wären die Argonauten länger geblieben. Schweren Herzens raffen sie sich dazu auf, ihre Mission fortzusetzen. Mit der Argo lassen sie die Ägäis hinter sich, durchqueren das Marmarameer bis zur Meerenge des Bosporus, der Verbindung zum Schwarzen Meer. Als die Seefahrer ihre Wasservorräte auffrischen wollen und an der Küste anlegen, begegnen sie einem mächtigen und gefährlichen König.

Der blinde
Seher

In der Nähe der Quelle des Amykos haust auch der blinde König Phineus. Auf ihm lastet ein abscheulicher Fluch.

Einst hatte Phineus von den Göttern die Gabe der Vorsehung erhalten. Gegen den Willen der Götter sagte er den Menschen ihre Zukunft voraus. Zur Strafe wurde er mit Blindheit geschlagen. Doch damit nicht genug! Gefräßige Harpyien, schreckliche geflügelte Mischwesen, rauben dem alten König seit Jahren das Essen vom Tisch und verpesten mit ihrem Gestank sogar die Reste.

Phineus und die Harpyien, Hydria, Ton, Kleophrades-Maler, um 480 v. Chr. H. 39 cm, Ø 15 cm, Museo Archeologico Nazionale di Napoli, Neapel

Unter den Argonauten sind die geflügelten Söhne des Nordwindes, Zetes und Kalais. Sie stellen den Ungeheuern einen Hinterhalt. Als die Harpyien sich erneut auf Phineus’ Nahrung stürzen, preschen die Brüder vor. Mit einer gigantischen Verfolgungsjagd durch die Lüfte vertreiben sie die Mischwesen. Dankbar gibt der Seher den Argonauten hilfreichen Rat für ihre Weiterfahrt nach Kolchis.

Reise ins
Unbekannte

Ohrenbetäubendes Krachen von Felsgestein und das Tosen des Meeres dröhnen den Helden in den Ohren. Es sind die Symplegaden, die wandernden Felsen.

Sie markieren den Ausgang vom Bosporus zum Schwarzen Meer und damit den Weg nach Kolchis. Jedes Schiff, das sich ihnen nähert, wird von den Felsen zermalmt. Auch die Argo muss diese Hürde passieren.

Dem Rat des blinden Sehers folgend, lassen die Argonauten vom Schiff aus eine Taube fliegen. Als der Vogel die Felsen passiert, löst er den Schließmechanismus aus. Bedrohlich schieben sich die Felsen zusammen, doch schafft die Taube gerade noch den Weg durch das Nadelöhr und büßt nur einige Schwanzfedern ein. 

Die Argonauten nehmen all ihren Mut zusammen und rudern mit voller Kraft auf die Lücke zwischen den sich öffnenden Felsen zu. Wieder rücken die Felsen zusammen – das Schiff droht zermalmt zu werden. In allerletzter Sekunde kommt die Göttin Hera den Helden zu Hilfe und gibt der Argo den entscheidenden Stoß. Beinahe unbeschadet kommt das Schiff auf der anderen Seite an. Seitdem stehen die Symplegaden der Legende nach still.

Am Ende
der Welt

Für griechische Seefahrer der Antike waren die Symplegaden der letzte ihnen gut bekannte Orientierungspunkt. In der Argonautensage wird dieser Ort nicht grundlos als scheinbar unpassierbares Hindernis beschrieben. Die Felsformationen markierten für die Griechen die Grenze zwischen ihrer „zivilisierten“ Welt und den fremden, von „Barbaren“ bewohnten Gegenden. In der griechischen Antike wurde der Begriff „barbarisch“ nicht im Sinne von unmenschlich, roh und grausam verstanden. Eigentlich meinte das Wort schlicht „unverständlich sprechend“ und „fremdsprachig“. Als die Griechen zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. in die Gebiete am Schwarzen Meer vordrangen, brachten sie von dort Gold als Beute oder Handelsware mit. Für die Mehrheit der griechischen Bevölkerung war Kolchis ein fernes und fremdes Land, um das sich geheimnisvolle Mythen rankten.

Eine übernatür­liche Liebe

König Aietes empfängt Jason in seinem Palast zunächst freundlich. Als der junge Held jedoch das Goldene Vlies von ihm fordert, tobt der Nachfahre des Sonnengottes voller Zorn.

Ihr kommt nun hierher – aber nicht wegen des Vlieses, sondern wegen meines Szepters und Königsamtes. Wenn ihr aber nicht zuvor meinen Tisch berührt hättet, wahrhaftig! Ich hätte euch die Zungen abgeschnitten (…).

(Aietes) Apollonios von Rhodos, Die Fahrt der Argonauten
Apollonios von Rhodos, Die Fahrt der Argonauten, 3. Buch, 376 -78., hrsg. und übers. von Paul Dräger, Stuttgart 2002.
Jason bändigt die Stiere des Hephaist, Apulischer Glockenkrater (Detail), Ton, Umkreis des Eumeniden-Malers, um 370 v. Chr. H. 38,5 cm, Museo Archeologico Nazionale di Napoli, Neapel

Der König stellt Jason eine Aufgabe: Wie es sonst Aietes selbst tut, soll Jason das Feld des Kriegsgottes Ares pflügen. Dazu muss er zwei feuerschnaubende Stiere mit Bronzefüßen vor einen Pflug spannen. In die Furchen der Erde werden verzauberte Drachenzähne gesät, aus denen gefährliche Krieger wachsen. Diese muss Jason im Kampf besiegen. Erst dann darf er versuchen, an dem fürchterlichen Drachen vorbei zu kommen, der das Vlies bewacht. Als Halbgott ist Aietes in der Lage, die genannten Aufgaben zu meistern, doch sind sie für einen Sterblichen wie Jason nicht zu bewältigen!

Die Liebesgöttin Aphrodite eilt Jason zur Hilfe. Als ihr Werkzeug wählt sie Medea, die kluge und zauberkundige Tochter von König Aietes. Die Göttin erweckt in der Königstochter das Gefühl einer überwältigenden Liebe zu Jason. Als Medea den jungen Held das erste Mal im Palast erblickt, ist sie bereit, alles für den Geliebten zu tun.

Und nun wollte ihr das Herz aus der Brust springen, und ebenso wurde es ihr schwarz vor Augen und hitzige Röte überzog ihre Wangen.

Apollonios von Rhodos, Die Fahrt der Argonauten
3. Buch, 962-63, hrsg. und übers. von Paul Dräger, Stuttgart 2002.

Geplagt von schrecklichen Sorgen um Jason begibt Medea sich selbst in große Gefahr. Heimlich bringt sie ihm in der Nacht eine magische Salbe aus Zauberkräutern. Diese wird ihn vor Gewalt und Feuer schützen.

Am nächsten Tag kann Jason die mächtigen Stiere bezwingen. Für den Kampf gegen die Krieger rät Medea zu einer List: Jason soll einen Stein auf die Angreifer werfen, sodass sie sich verwirrt gegenseitig attackieren und töten. Auch diese Aufgabe meistert Jason. Doch Aietes rückt nicht mit dem Vlies heraus.

Magie und
die Macht
der Göttin

Das geflügelte Wesen in der Vasendarstellung von Medea, Jason und dem Stier ist die Siegesgöttin Nike. Ihre Körperhaltung und Handgeste imitieren die von Medea. Die Figur der Nike taucht in der antiken Vasenmalerei häufig dann auf, wenn ein Sieg symbolisiert werden soll. Hier steht sie für Jasons Erfolg beim Bestehen der Prüfung. Ganz klar ist jedoch zu erkennen, wer eigentlich seinen Sieg herbeiführt: Es ist Medea, deren Zauberkraft und Klugheit das Unmögliche möglich machen.

Der Raub des
Goldenen Vlieses

Als Aietes’ Plan durch die eigene Tochter zunichte gemacht wird, will der grausame König die Helden ermorden und ihr Schiff verbrennen. Doch Medea warnt Jason und hilft ihm beim Raub des Goldenen Vlieses.

Mit Zauberkraft schläfert Medea den Drachen ein, der das Widderfell bewacht. Jason kann das Goldene Vlies vom Baum nehmen. Gemeinsam entkommt das Paar mit der kostbaren Beute.

Medea betäubt den Drachen und Jason raubt das Goldene Vlies, Apulischer Volutenkrater, Ton, Maler von Neapel 1778, um 310 v. Chr. H. 70 cm, Museo Archeologico Nazionale di Napoli, Neapel

Als Verräterin droht der Prinzessin Medea eine furchtbare Strafe. Sie bittet ihren geliebten Jason, sie auf der Argo mit nach Iolkos zu nehmen und sie zu heiraten. So fliehen sie gemeinsam auf der Argo, doch Aietes ist ihnen mit seinen Kriegern auf den Fersen.

Antike Quellen

Viele unterschiedliche Erzählungen überliefern den Medea-Mythos. Die wohl bekannteste antike Version stammt von dem griechischen Schriftsteller Euripides. Seine Tragödie wurde 431 v. Chr. in Athen uraufgeführt. Die Überlieferung des Mythos geht noch viel weiter zurück. Beständig wurde die uralte Legende weitererzählt und umgestaltet. Bereits im 7. oder 8. Jahrhundert v. Chr. nimmt Homer in der Odyssee Bezug auf die uralte Argonautensage. Auch in der wichtigen und umfangreichen Mythensammlung der Bibliothek des Apollodor aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. werden die Liebe zwischen Medea und Jason sowie die Fahrt der Argonauten beschrieben. Eine weitere wichtige antike Quelle ist die Argonautica aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. von Apollonios von Rhodos. Jede Version ergänzt und bereichert den jahrhundertealten Mythos über die Fahrt der Argonauten und den Raub des Vlieses.

Papyrus mit Fragmenten der Tragödie „Erechtheus“ des Euripides Fragment C, Universität Paris-Sorbonne – Institut für Papyrologie

Medeas jüngerer Bruder, ist unter den Verfolgern und holt die Argo als erster ein. Unverfroren rät Medea den Argonauten, ihren eigenen Bruder zu töten und zerstückelt über Bord zu werfen. Aietes ist gezwungen, die Körperteile einzusammeln, will er seinen Sohn bestatten. So kann die Argo den Verfolgern zunächst entkommen.

Doch die Argonauten haben eine unverzeihliche Blutschuld auf sich geladen. Die erzürnten Götter schicken ihnen einen verheerenden Sturm, der die Argo in eine Irrfahrt treibt. Erst als sie von der Zauberin Kirke von ihrer Schuld reingewaschen werden, können sie dem Sturm entkommen.

Böses
Blut

Die Geschichte von Jason und Medea nimmt immer grausamere Züge an: Zurück in Jasons Heimat Iolkos kommt es erneut zu Mord und Rache. Mord und Rache ziehen weiter blutige Spuren.

Der unrechtmäßige König Pelias hat Jasons Vater Aison getötet. Aus Verzweiflung hat sich auch Jasons Mutter das Leben genommen. Die Vergeltung von Jason und Medea ist heimtückisch.

Pelias soll sterben! So macht Medea dessen naiven Töchtern weis, sie könnte ihren alten Vater verjüngen. Zum Beweis ihrer magischen Fähigkeiten tötet, zerstückelt und kocht sie einen alten Hammel. Das Tier springt verjüngt und quicklebendig aus dem Kochkessel! Von dem Wunder überzeugt, vollziehen die Töchter des Pelias eigenhändig die gleichen Taten an ihrem Vater. Doch führt Medea dieses Mal keinen Zauber aus, um ihn wiederzubeleben. Der Thronräuber erfährt sein vom Orakelspruch vorhergesagtes schreckliches Ende.

Medea vor dem Kessel, aus dem sich der lebendige Widder erhebt, Attischer Stamnos, Ton, Hephaisteion-Maler, um 470/460 v. Chr. H. 34,1 cm, Ø max. 30,4 cm, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung, Berlin
Medea und die Peliaden, Marmorrelief, Neuattische Kopie aus der Zeit um 100 v. Chr. nach einem Original aus der Zeit um 420 v. Chr. 110 cm x 94,5 cm x 8 cm Vatikanische Museen, Rom

Schönheit
und Grauen

Der Mythos um Medea ist voller blutrünstiger Szenen und Handlungen: Menschen werden ermordet, ihre Körper zerstückelt, gekocht. In einem Horrorfilm des 20. Jahrhunderts würden solche Grausamkeiten bis ins schauderhafte Detail sichtbar gemacht. Anders jedoch in den jahrtausendealten Darstellungen! Angesichts der grausamen Geschichten scheint die ästhetisch ansprechende und fast liebliche Bildsprache das Geschehen zu verharmlosen. So zeigen die antiken Kopien eines klassischen Originals aus dem 5. Jahrhundert Pelias' Töchter als Idealschönheiten – fast nichts deutet darauf hin, dass sie sich mit dem Blut ihres eigenen Vaters besudeln.

Medea und die Peliaden, Marmorrelief, Kopie nach einem klassischen Original aus der Zeit um 420/10 v. Chr. modern überarbeitet (Schwert zu Lorbeerzweig), 116,5 cm x 89-96 cm, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung, Berlin

Medeas Rache

Jason und Medea fliehen nach Korinth und finden zunächst ihr Glück. Aus ihrer Beziehung gehen zwei Söhne hervor. Zehn Jahre Ehe, doch das Streben nach Macht und Reichtum wird die Familie zerstören!

Kreon, der König von Korinth, bietet Jason die Hand seiner Tochter Kreusa und damit auch das Thronerbe über die Stadt an. Die Aussicht auf die Krone und eine junge Frau – Jason zögert keine Sekunde.

Für Medea geht eine Welt unter: Sie hat ihre Familie verraten, ihren eigenen Bruder getötet und ihre Heimat verlassen – alles aus Liebe zu Jason. Alleingelassen in der Fremde, ohne Ehemann, ohne Familie und Freunde ringt sie zunächst mit Selbstmordgedanken.

Medea
als Frau

Medeas Situation ist ausweglos. Als Frau und Fremde ist sie ohne Ehemann schutz- und mittellos. Die dramatische Schilderung des Euripides nimmt Aspekte der gesellschaftlichen Realität des antiken Griechenland auf. Die Geschlechterrollen waren in der männerdominierten Gesellschaft klar verteilt. Junge Mädchen von etwa 14 Jahren wurden mit 30-jährigen Männern verheiratet. Eine angesehene griechische Frau hatte viele Kinder und führte den Haushalt. Am politischen, sozialen und kulturellen Leben durfte sie hingegen nur sehr eingeschränkt teilnehmen. Die Figur der Medea sprengt diese Vorstellungen.

Von allem, was auf Erden Seel und Leben hat, die allerärmsten Wesen sind wir Frauen doch.

(Medea) Euripides, Medea
230-232, übers. von Johann A. Hartung, hrsg. von Karl-Maria Guth, Berlin 2013.

Medeas Rede
Euripides, Medea

Medea
als Fremde

Medeas ganze Gestalt und ihr Auftreten in den Erzählungen des Mythos unterstreichen ihre Rolle als Außenseiterin der griechischen Gesellschaft. Die kolchische Königstochter steht für eine ursprünglichere, von Magie und Schmiedehandwerk geprägte Zivilisation. Auch die antiken Darstellungen der Medea bringen diesen Gedanken zum Ausdruck: Häufig charakterisieren orientalisch anmutende Gewänder mit langen gemusterten Ärmeln ihre fremdartige Identität.

Medea ersticht ihre Kinder, Halsamphora (Detail), Ton, Ixion-Maler, um 330 v. Chr. H. 48,5 cm, Ø 18,2 cm, Musée du Louvre, Paris

Schließlich wandelt sich Trauer in Wut: Medea packt eine rasende Eifersucht. Ihr Racheplan ist schrecklich. Alle Macht richtet sie auf die Zerstörung des untreuen Ehemanns. Dabei geht sie durchdacht vor. Nur zum Schein akzeptiert sie die Heirat zwischen Jason und Kreusa. Doch in Wirklichkeit sichert sie sich Zeit, um ihren Plan auszuführen.

Medea tötet ihre Nebenbuhlerin und die eigenen Kinder, Griechisches kolossales Weinmischgefäß (Krater) aus Apulien (Süditalien), Ton, Unterweltmaler, um 330 v. Chr. H. 118 cm, Staatliche Antikensammlung, München

Eiskalte Medea: Ihre kleinen Söhne schickt sie mit einem verzauberten Brautgewand zu Kreusa. Als diese das Kleid anzieht, verbrennt der vergiftete Stoff ihre Haut. Beim Versuch, seine Tochter zu retten, wird auch König Kreon in loderndem Feuer verbrannt.

Nach dem Tod von Kreon und Kreusa bleiben Jason nur noch seine Söhne als Stammhalter. Medea will ihm jedoch alles nehmen, so wie er ihr alles genommen hat. Sie tut das Unfassbare: Sie ergreift ein Schwert und tötet damit die eigenen Kinder.

Nach ihrer Tat droht Medea die Vergeltung der Korinther. Zur Rettung schickt der Sonnengott Helios seiner Enkelin Medea einen Wagen, der von Flugdrachen gezogen wird. Sie fliegt nach Athen und beginnt dort ein neues Leben mit neuem Mann und weiteren Kindern. Hinter sich aber lässt sie verbrannte Erde.